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Im Fokus der Betrieb – DLG Wintertagung 2026 aus forstlicher Sicht

Agroforst und EU-Wiederherstellungsverordnung – Chancen und Herausforderungen für land- und forstwirtschaftliche Betriebe

Hannover, 24.–25. Februar 2026 | Wer Ackerflächen bewirtschaftet und Wald besitzt, kennt das Gefühl, in zwei verschiedenen Welten unterwegs zu sein – mit unterschiedlichen Förderlogiken, unterschiedlichen Behörden und oft wenig Austausch zwischen den Sektoren. Die DLG-Wintertagung 2026 im Convention Center der Messe Hannover hat mit 2 Foren genau hier angesetzt: Diese beiden Impulsforen adressierten Themen, die für die beide Welten Forst- und Landwirtschaft und den privaten Waldbesitz unmittelbar relevant sind – Agroforst-Systeme und die EU-Wiederherstellungsverordnung (WVO). Beide Diskussionen machten deutlich: Die künftige Bewirtschaftung von Flächen lässt sich nicht mehr nur aus einer einzigen Fachperspektive heraus gestalten. Beide Themen vereint ein gemeinsamer Kern: die Notwendigkeit, Forst- und Landwirtschaft nicht nur als getrennte Welten zu betrachten.

 

AgroForst: Bäume auf dem Acker – was bringt das meinem Betrieb?

Für viele Landwirtinnen und Landwirte klingt Agroforst zunächst nach Mehraufwand: Bäume pflanzen, langfristig warten, Ertragseinbußen riskieren. Das Impulsforum der DLG-Wintertagung räumte mit diesem Bild gründlich auf. Wolfram Kudlich von Wald21 brachte es auf den Punkt:

„Agroforst-Systeme bieten neben Wind- und Erosionsschutz, Tierwohl, Klimaschutz und mehr Biodiversität eine Vielzahl von teilweise erheblichen Ertragspotenzialen mit Deckungsbeiträgen oft weit oberhalb jener, wie man sie aus dem Marktfruchtanbau kennt."

Wolfram Kudlich von Wald21

Das ist eine Aussage, die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter aufhorchen lassen sollte – vor allem dann, wenn ohnehin Flächen in der Bewirtschaftung sind, auf denen Klimaveränderungen, Wind, Erosion oder sinkende Bodenfruchtbarkeit schon länger Probleme bereiten.

Was konkret diskutiert wurde

Das Forum war erfrischend praxisnah. Im Zentrum standen Fragen, die sich direkt auf die Betriebsebene übertragen lassen:

  • Welche Baumarten eignen sich für welchen Standort? – Von Walnuss und Kirsche über Pappel bis hin zu Obstgehölzen: Die Auswahl entscheidet maßgeblich über Ertrag, Pflegeaufwand und Verwertbarkeit.
  • Wie verändert sich die Maschinengängigkeit? – Ein zentrales Praxisthema: Wie können Reihenabstände so geplant werden, dass vorhandene Technik weiterhin einsetzbar bleibt?
  • Welche Förderung ist möglich? – Die Anerkennung von Agroforst-Systemen in der GAP-Förderung ist nach wie vor ein bürokratisches Hemmnis. Im Forum wurden aktuelle Fördertatbestände und deren Grenzen offen diskutiert – ohne Schönfärberei, aber mit konkreten Hinweisen auf bestehende Möglichkeiten.
  • Langfristige Betriebsstrategie: Für Mischbetriebe mit Wald- und Ackerkomponente bietet Agroforst die Chance, beide Standbeine sinnvoll zu verbinden – gehölzartige Strukturen auf der Ackerfläche ergänzen klassische forstliche Einnahmen und schaffen zugleich ökologische Synergien.
     

Der interdisziplinäre Ansatz: Stärke des Forums

Was das Impulsforum besonders wertvoll machte, war die bewusste Zusammenführung von Fachleuten aus Forstwirtschaft, Pflanzenbau, Betriebswirtschaft und Naturschutz. Für Mischbetriebe ist genau das der Alltag – und genau das wurde auf der Bühne gespiegelt. Die konstruktive Gesprächskultur ließ Raum, auch unbequeme Fragen zu stellen: Was passiert, wenn die Bäume Ertragsfläche „fressen"? Wer berät mich bei der Planung? Wie reagiert meine Bank auf einen Agroforst-Umbau?

Die Antworten waren nicht immer vollständig – aber das war auch nicht der Anspruch. Der Anspruch war, gemeinsam weiter zu denken. Und das gelang.

„Erfahrungen mit waldbaulichen Themen und Behandlungsstrategien für Forstbaumarten in Agroforstsystemen? Forstfachleute können ihr Wissen einbringen und im interdisziplinärem Sinn eine neue Bewirtschaftungsform erfolgreich mitgestalten. Ein Miteinander in der Land- und Forstwirtschaft mit Potential.“ 

Abschlussstatement von Thomas Wehner – DLG-Bereichsleiter Forst

EU Nature Restoration Law (WVO): Was kommt auf Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer zu?

Kaum ein Thema bewegt den privaten Waldbesitz derzeit mehr als die EU-Wiederherstellungsverordnung – und kaum ein Thema ist gleichzeitig so mit Unsicherheiten behaftet. Die WVO verpflichtet EU-Mitgliedstaaten, bis 2030 mindestens 20 % der degradierten Land- und Meeresökosysteme zu renaturieren, bis 2050 sollen es alle renaturierungsbedürftigen Ökosysteme sein. Was das für privaten Waldbesitz und landwirtschaftliche Betriebe konkret bedeutet, war Gegenstand eines eigenen Impulsforums – organisiert von den Bereichen Forstwirtschaft sowie Forschung und Innovation der DLG. 

Das klare Ziel des Forums: Aufklärung vor Meinungsbildung. Denn wer nicht weiß, was die WVO eigentlich vorschreibt und was nicht, reagiert entweder mit übertriebener Angst oder mit falscher Entwarnung.

 

Was die WVO für Waldbesitz und Mischbetriebe bedeuten kann

Zwei Fachvorträge legten das rechtliche und ökologische Fundament – gefolgt von einer intensiven Paneldiskussion mit Akteuren aus Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft. Für Betriebe mit Waldanteil sind dabei folgende Punkte besonders relevant:

  • Wald als Renaturierungsfläche? Die WVO zielt vor allem auf stark degradierte Ökosysteme. Gut bewirtschaftete Privatwälder sind in der Regel nicht im Fokus – aber die Abgrenzung ist noch nicht abschließend geregelt, was Unsicherheit schafft.
  • Einschränkungen der Bewirtschaftungsfreiheit: Für Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer ist entscheidend, ob und in welchem Umfang die nationale Umsetzung der WVO Einschränkungen bei der Bewirtschaftung der Wälder mit sich bringt. Hier besteht laut Forum noch erheblicher Klärungsbedarf. 
  • Moorwiederherstellung und Feuchtgebiete: Betriebe mit Niedermoor- oder Feuchtwiesenflächen müssen besonders aufmerksam sein. Diese Flächen stehen im Fokus der Renaturierungsziele – mit direkten Konsequenzen für Nutzung und Pachtverträge.
  • Eigentumsrechte und Entschädigungsfragen: Das Forum benannte offen, dass Fragen zu Entschädigung und Rechtssicherheit für private Grundeigentümer bislang unzureichend beantwortet sind. Diese Lücke muss in der nationalen Umsetzung zwingend geschlossen werden. Ansonsten ist das Projekt abzulehnen, so Teilnehmer der Paneldiskussion Max Freiherr von Elverfeldt, Vorsitzender beim Verband der Familienbetriebe Land und Forst.
     

Konstruktive Aufarbeitung statt Alarmismus

Besonders wertvoll war, wie das Forum mit der aktuellen Stimmungslage umging: sachlich, differenziert und lösungsorientiert. Statt pauschaler Ablehnung oder unkritischer Zustimmung wurden die „Unklarheiten und Zielkonflikte" der WVO klar benannt – und als gemeinsame Aufgabe begriffen. Das Fazit der Paneldiskussion war eindeutig:

Die EU-WVO kann nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn folgende Fragen verbindlich geklärt sind:

  • Umsetzung: Wer ist für welche Maßnahmen verantwortlich, auf welchen Flächen – und wer entscheidet das? Die Eigentumsrechten müssen gewahrt sein.
  • Finanzierung: Wer trägt die Kosten? Gibt es Ausgleichszahlungen für betroffene Grundeigentümer? Welche Arten eines finanziellen Ausgleichs bzw. einer Förderung können überhaupt zielführend sein?
  • Rechtssicherheit: Wie werden Eigentumsinteressen geschützt? Kommt es zu Tatbeständen einer „kalten Enteignung“? 
  • Handlungskonzepte: Welche konkreten Instrumente und Beratungsangebote stehen Betrieben zur Verfügung? Welche Potentiale bietet eine WVO für den Forstbetrieb?

Der Konsens war klar: Eine wirksame Beteiligung aller Interessensgruppen – Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturschutz und Politik – ist keine Option, sondern Voraussetzung. Ohne sie wird die WVO in der Praxis scheitern oder zu ungerechtfertigten Eingriffen in bestehende Eigentums- und Bewirtschaftungsrechte führen.

 

Fazit: Die DLG als Ort des interdisziplinären Dialogs

Beide Impulsforen stehen stellvertretend für einen zentralen Anspruch der DLG-Wintertagung: Sie ist nicht nur Fachtagung, sondern Dialogplattform. Gerade in einer Zeit, in der Regulierung und wirtschaftlicher Druck auf Betriebe zunehmen, braucht es Formate, die unterschiedliche Sektoren, Wissensfelder und Interessen zusammenbringen – und zwar auf eine Art, die nicht polarisiert, sondern produktiv macht.

Die Verknüpfung von Forst- und Landwirtschaft – ob bei der praktischen Umsetzung von Agroforst-Systemen oder bei der gemeinsamen Reaktion auf europäische Naturschutzgesetzgebung – ist dabei kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Beide Sektoren sind von denselben politischen Entwicklungen betroffen – und profitieren davon, gemeinsam zu agieren statt nebeneinander. 

Die DLG-Wintertagung hat erneut bewiesen, dass sie ein geeigneter Ort ist, um genau diesen Dialog zu führen: sachlich, praxisnah und mit dem Blick auf das, was Betriebe wirklich bewegt.